Deutschsprachiger Titel gleich Volksmusik?

Kolumne von Chatrina Mooser, Birmensdorf


Könnte man den Fernseh- und Radioprogrammen des deutschsprachigen Raums Glauben schenken, würden die Herzen der Volksmusikfreunde vor lauter Freude einem Herzinfarkt nahe sein. Wollen wir es wirklich, oder lassen wir uns als volksdümmlich verkaufen, indem wir kritiklos alles, was die Medien jedweder Art als Volksmusik auftischen, auch als Volksmusik konsumieren und akzeptieren?

Ein volkstümlicher Schlager sollte zumindest so volkstümlich sein, dass die in der Volksmusik üblichen Instrumente eindeutig hörbar sind und die Texte im jeweiligen Dialekt interpretiert werden. In vielen Sendegefässen werden die Wörter "Volksmusik" oder "volkstümlich" dazu missbraucht, den deutschsprachigen Schlager "salonfähiger" zu machen oder eben als echte Volksmusik zu vermarkten. Sendungen wie "Goldene Hitparade der Volksmusik", "Schlagerparade der Volksmusik" oder "Bodenständige Hitparadenstimmung", um nur einige zu nennen, in welchen mindestens 90 Prozent, wenn nicht alle Titel normale, einfache Schlager sind, betrachte ich als Irreführung der wirklichen Volksmusikfans und als Verrat an der überlieferten Volksmusik.
Der deutschsprachige Schlager war in den fünfziger und auch noch in den sechziger Jahren ein blühendes Geschäft, die Rock- und Popszene hat ihm jedoch den Todesstoss versetzt. Jetzt ist die Schlagerszene wieder auferstanden, leider unter dem Deckmäntelchen Volksmusik. 


Was ist am Schlager so anrüchig?

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass ich etwas gegen Schlager einzuwenden habe, im Gegenteil: Auch ich habe mit Peter Kraus geträumt, war mit Rex Guildo und Gitte unter den Laternen oder habe nach Rocco Granatas “Marina“ getanzt und geschwoft. Sie wurden aber als Schlagersänger und Schlagersängerinnen bezeichnet, ihre Lieder als Schlager verkauft. Was ist denn eigentlich heute so “anrüchig“ beim Schlager, dass man ihn lieber als Volksmusik verbraten will? Wollen die Freunde des Schlagers (sprich heute Volksmusik) nicht dazu stehen, und wenn ja, warum nicht, oder kann man ihn mit dem Beinamen Volksmusik oder volkstümliche Musik besser an den Konsumenten bringen (dem würde ich Glauben schenken)?
Wo bleibt eigentlich hier der Konsumentenschutz, die Deklarationspflicht, wie es heute bei allen Konsumgütern üblich ist? Nichts für ungut, aber eine klarere, ehrlichere und vor allem transparentere Etikettierung sowohl der Sendegefässe als auch der Moderationen wäre wünschenswert. Unter den für Volksmusik zuständigen Programmgestaltern herrscht nicht unbedingt Einigkeit beziehungsweise Übereinstimmnung. Die einen wollen eine klare Trennung der verschiedenen Musikstile, die anderen eine totale Vermischung. Bei einer getrennten Musikzusammenstellung kann der Konsument entscheiden, was er hören und sehen will oder nicht. Die Befürworter der Vermischung sind der Ansicht, dass das Programm anscheinend farbiger gestaltet werden könnte. Desinteressierte und nicht sachverständige Moderatoren sind leider häufig zu hören und zu sehen. Sie wissen selber nicht, was überlieferte Volksmusik, Musik im Oberkrainerstil und Schlager sind. Wie könnte es sonst passieren, dass ein Präsentator und Befürworter der Vermischung (von einem Berner Lokalradio) eine Stunde mit echter Berner Volksmusik ansagt und als ersten Titel ein Schwyzerörgeli-Oberkrainer-Gequetsche abspielt? 


Der Redaktor weiss nicht Bescheid

Ein anderes Beispiel: Ein Zürcher Lokalradio preist die Musik von Beny Rehmann als echte Schweizer Volksmusik an. Wenn schon der Redaktor nicht Bescheid weiss, wie sollte es dann der Konsument wissen? Vermischung der verschiedenen "Volksmusikstile", bitte sehr, aber wenn schon, dann auch konsequent. Volksmusik, volkstümliche Musik, volkstümliche Schlager, Schlager, internationale Volksmusik, alter Jazz, Country, Kaffeehausmusik usw., oder?
Laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage bei Jugendlichen steht der eigene Dialekt hoch im Kurs. Hoffentlich bezieht sich diese positive Einstellung zu regionalen sprachlichen Eigenarten im übertragenen Sinne auf unsere „Dialektmusik“. Wie denken Sie als Konsument, aktiver Musikant oder Sachverständiger über diese Themen?


(Quelle: Schweizer Musikrevue Nr. 6 / 1992)

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